Was bedeutet ‘Hochbegabung’ ?

Und welche Annäherung an das Phänomen ist sinnvoll?

Das Phänomen selbst

Das Potential des Menschen ist unbegrenzt. In uns liegt ungleich viel mehr als das, womit wir uns im Alltag identifizieren.

Ist demnach jeder hochbegabt?

Natürlich nicht, potentiell allerdings schon. Das ist der Grund, warum jeder Mensch von Hochbegabten sehr viel lernen kann. Dies bestätigen auch die modernen Hirnforscher, die klar zeigen können, welche Möglichkeiten in Gehirn, Geist und Körper stecken. 

Jedoch ist es eine Tatsache, dass aktuell nur eine kleine Gruppe von Menschen dieses gegen unendlich strebende Potential tiefer nutzt und es anders verkörpert als die meisten, d.h. als der Durchschnitt ihrer Mitmenschen.

Sie denken schneller, komplexer, vorausschauender, ganzheitlicher, verknüpfen Denken und Empfinden anders, als es gemeinhin erwartet wird, sind reizoffener, oft sensitiver oder zugleich hochsensibel, weisen möglicherweise Spezialbegabungen auf oder sind in verschiedensten Gebieten parallel auffallend versiert. Sie sind skeptischer gegenüber vorgefertigtem “Stoff”, unabhängiger in ihren Gedankengängen, reagieren kognitiv und emotional nicht erwartungsgemäß, sondern auf spezifische Weise individuell, besitzen mitunter ein unglaubliches Körpergefühl und manche von ihnen sind Künstler durch und durch. Sie weisen im Inneren deutlich stärkere Reaktionen auf (intellektuelle, sensorische, emotionale …) Reize auf, sind in ihren Reaktionen nach außen jedoch unter Umständen langsamer, als man zunächst erwarten würde. Sie haben nicht selten Werte, die kaum als “Standard” bezeichnet werden können, weil für sie “Toleranz”, “Mitgefühl”, “Achtsamkeit”, “Unverletzlichkeit und Würde eines Lebewesens” eine sehr, sehr große Rolle spielen können.

Und oft, allerdings nicht immer, lässt sich ihre enorme Denk-, Merk-, Kombinations-, Konzentrations- und Erlebensfähigkeit auch in standardisierten Intelligenzmeßverfahren abbilden.

Dies ist nur ein Einblick – die Erscheinungsformen der Hochbegabung sind vielgestaltig.  Wichtig ist zu verstehen, dass, wiewohl die “Zutaten” zur Ausstattung der hochbegabten Persönlichkeit völlig natürliche menschliche Potentiale sind, ihre Ausprägung und ihr Zusammenwirken hier jedoch den entscheidenden Unterschied machen!

Konzepte  – und eine achtsame Annäherung an den Umgang mit ‘Hochbegabung’

Der Begriff ‘Hochbegabung’ hat im Westen eine Geschichte, welche eng mit dem Intelligenzbegriff verknüpft ist. Was jedoch auf den ersten Blick einfach erscheint (Hochbegabung = IQ von größer/gleich 130) wird bei näherer Betrachtung immer komplexer. Wir finden dazu inzwischen nicht nur unterschiedlichste Definitionen, sondern bei fast jedem Forscher, oft gut begründet, auch ganz unterschiedliche theoretische Positionen.


Ich halte es für wichtig, diese Positionen zuzulassen, denn sie können je nach Ausgangspunkt des Individuums, das sie nutzen möchte, einen hohen (Erklärungs-)Wert und Bedeutungsgehalt bekommen.

Dabei ist weniger entscheidend, der vorläufig letzten theoretischen Gewissheit über “die” Hochbegabung nachzujagen, als vielmehr die Bedürfnisse der Menschen in den Mittelpunkt zu stellen, die Klarheit über ihre persönliche Form der Besonderheit erlangen wollen und sich nach einem lebendigen und kraftvollen Ausdruck ihrer selbst sehnen.

In der Praxis leistet mir ein breit aufgestelltes psychologisches und therapeutisches Handwerkszeug sehr gute Dienste, speziell das hypno-systemische Konzept von Dr. Gunther Schmidt (Heidelberg).

Ein methodenweites und fein eingestelltes Instrumentarium erlaubt nämlich, Phänomene des Erlebens beschreibend und fühlend wahrzunehmen und gelten zu lassen, ohne sie sofort “dingfest” machen zu müssen – und damit ihren Zauber zu vertreiben. Es ermöglicht ebenso, asynchrone Entwicklungen zu erkennen und bislang weniger ausgeprägte Bereiche und Fähigkeiten zu aktivieren, zu formen und anwendend zu üben.

Ich finde ebenfalls einen hohen Erklärungs- und Praxiswert in der Integralen Philosophie Ken Wilbers.

Auch das Wissen der ganzheitlich ausgerichteten Philosophien des Ostens, sowie der Kulturen, die einstmals in engem Kontakt mit der Natur lebten, bietet einen wertvollen, ergänzenden Hintergrund für das Verständnis des Phänomens.


Die Ausdruckskünste und die tiefe Arbeit mit dem Körper halten KlientIn und Profi “auf Kurs”, denn beides bietet überraschend eindeutige Orientierungspunkte jenseits der kognitiv-intellektuellen Welt.

Die vedischen Wissenschaften öffnen dann den Horizont: Per definitionem geht hier der Wissensstand HAND in HAND mit der Entwicklung des persönlichen Bewusstseins. “Wissen” ist weder einseitig intellektuell, noch gefühlsorientiert ausgerichtet, sondern transzendiert diese Ebenen systematisch und konzeptgeleitet. Daher geht es hier im besten Sinne um “work in progress”.

Mit diesem Ziel erhalten viele Zugänge eine temporäre oder dauerhafte, jedoch immer individuelle Gültigkeit. Sie müssen sich dann an ihrer Wirkung auf das Individuum messen lassen.

Ich denke, dass wir uns dem Thema nicht nur methodenübergreifend sondern auch interdisziplinär, idealerweise sogar interkulturell nähern müssen, um besser erahnen zu können, um was es geht. Auch sollte die Zeit theoretischer Grabenkämpfe hinter uns liegen, wenn wir Phänomene beschreiben möchten, die ihrem Wesen nach jenseits der doch engen Grenzen klassisch-empirischer Forschung liegen.

Es geht um das gemeinsame Erforschen, in der jede Perspektive wertvoll sein kann.

Insgesamt ist eines entscheidend:

Die lang entbehrte, da unterdrückte Kraft muss erkannt werden, um frei zu fließen.

Darum begleite ich Menschen beim Suchen und Finden der eigenen Hochbegabung und Sensitivität. Sie sollen als kleine Gruppe der Gesellschaft, mit all den Herausforderungen und Schwierigkeiten, die die Zugehörigkeit zu einer Minderheit und “Randgruppe” mit sich bringt, ein Forum der Selbsterforschung bekommen. Nur so können sie ihre Fähigkeiten voll bewusst erkennen und Schritt für Schritt entfalten.

Klarheit, Sinn und Erfüllung zu finden, ist unser menschliches Geburtsrecht.