Wozu Austausch – mich versteht ja doch niemand!

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Was macht es unerkannt hochbegabten Menschen so schwer, nicht nur gute Unterstützung zu finden, sondern diese auch wahr- und anzunehmen?

Einerseits sehnen sie sich so sehr nach Entlastung, wünschen sich ungeteilte Aufmerksamkeit und endlich den Mut zur Entfaltung ihres Seins, andererseits spricht so vieles dagegen, sich einem anderen Menschen, -Coaching-Profi oder Gleichgesinntem womöglich…!, wirklich anzuvertrauen!

Es treffen einige Wirkfaktoren zusammen, die dafür sorgen, dass Menschen mit dem Verdacht auf Hochbegabung lange “hinter dem Berg halten”. Dafür sorgt zum einen und zu allererst:

Ihre hohe Intelligenz!

Wer starke Geisteskräfte zur Verfügung hat, ist flink und kreativ und findet auch ganz allein immer wieder passable Lösungen!

Salopp gesagt: Nach ein wenig Drüber-schlafen, Reflektieren, Recherchieren haben Hochbegabte ohnehin schon bald einen Ausweg aus ihrer aktuellen Schwierigkeit gefunden, zumindest geht es nun mit neuen Erkenntnissen voran, und schon, so meinen sie, brauchen sie eigentlich auch niemanden mehr!

Eine ausgeprägte Intelligenz macht zudem – völlig zu Recht – skeptisch gegenüber Heilsversprechen!

Nicht nur, dass Eigeninteresse oder Persönlichkeit einer anderen Person einem unverstellten 1:1-Kontakt ganz leicht im Wege stehen können – was hochbegabte Menschen blitzschnell auszuloten wissen. Auf Seiten der zu lange unerkannt Hochbegabten herrscht zudem gewaltiges Misstrauen bzgl. der Konzepte anderer. Sie haben oft erlebt, sich auf fremde Vorstellungen eingelassen zu haben, ohne dass es am Ende hilfreich war. Im Gegenteil: Meist resultierte daraus nur noch mehr Verwirrung und Einsamkeit. Schmerzhaft. Und wenig ermutigend!

Was ebenfalls wirksam und oft lange Zeit davon abhält, echten, tiefgehenden Kontakt mit anderen zu suchen, ist, seien wir ganz offen: Die Angst vor der Wahrheit!

Gehe ich mit anderen Hochbegabten in Kontakt und merke, Oh Gott, ich fühle mich ganz fremd hier und kann weder der Diskussion noch der emotionalen Gestimmtheit folgen,  … wie erkläre ich mir denn dann mein Anderssein?? – Und wie peinlich wäre das!!! Nein, eigentlich brauche ich die Klarheit ja auch gar nicht, lassen wir alles, wie es ist. Ich darf mich einfach nicht so anstellen!

Interessant dabei ist auch:

Wenn sich im Kontakt mit dem Thema “Bin ich hochbegabt?” herausstellen würde “Ja, es stimmt!”, was wäre dann? Muss ich dann sofort ein Studium beginnen, im Ausland Bücher schreiben, Wettbewerbe gewinnen oder mindestens eine Beförderung anstreben – und, ganz schlimm ;.) – darf ich vielleicht nie wieder Tatort schauen? Was würde es für meine Beziehungen bedeuten? Muss ich mich “outen” oder dürfte es niemand erfahren? Wie würde mein bisheriger Lebenslauf dann erscheinen? Was würden meine Eltern denken … und so viele unsichere Fragen mehr, auch diese halten oft davon ab, in den Kontakt zu gehen.

Ein dritter Faktor, dem ich oft begegne, natürlich nicht nur bei anderen 🙂

Sehr, sehr hohe Ansprüche an Kontakt und Beziehung!

Wenn ich es nun endlich wage, mein Inneres zu öffnen, dann muss der Kontakt aber wirklich ganz genau so x und so y und so sehr zzz sein, dass es auch wirklich, wirklich, wirklich gut wird. Und die Person muss nun auch xy, yz, am besten a-z sein, natürlich bei einem IQ von idealerweise XYZ, damit es überhaupt passen kann, das ist doch ganz klar!

Ja, wie verständlich! Aber Vorsicht, liebe Hochbegabte, so verpassen wir den besten Teil, denn:

Natürlich gibt es gute Gründe, so zu denken und zu fühlen (und ich könnte noch viele ergänzen…). All das beruht auf Schlüssen aus Erfahrungen, die ein kluger Geist und eine wache Wahrnehmung bereits in früher Kindheit ziehen konnten und die sich in Folge immer wieder zu bestätigen schienen. Das Leben mit zu wenig wacher, ehrlicher Spiegelung ist hart und unnötig verwirrend. Leider viel zu oft (und aus unterschiedlichen Gründen) wird es Menschen in der Kindheit verwehrt und Hochbegabte kennen fast alle die damit verbundenen Folgen. “Bürde” ist deutlich zu wenig gesagt: Es ist ein potentiell pathogener Faktor.

Und so mag leicht die latente oder offene Überzeugung entstanden sein, dass es das Beste sei, sich einfach nur auf sich selbst zu verlassen und den Weg ohne Unterstützung und Begleitung zu gehen. Was wissen die anderen schon darüber, was ich wirklich brauche!?!

Was dabei verloren geht, ist allerdings viel, sehr viel. Ich tendiere dazu zu sagen:

Fast alles, was das Leben menschlich macht.

  • Die Chance zu erleben, dass man wenigstens für kurze Zeit einmal wirklich “gemeint ist”, im Zentrum der Aufmerksamkeit steht, anderen ohne Bedingungen wichtig ist.
  • Die Chance darauf, Halt durch Gemeinschaft zu erfahren.
  • Die Chance zu merken, wie sehr man sich selbst eingemauert hat und dass es noch viel mehr Möglichkeiten gibt, als man selbst dachte.
  • Die Chance an sich zu arbeiten, ohne sich gleichzeitig verteidigen und abgrenzen zu müssen.
  • Die Chance zu spüren, dass andere ehrlich an einen glauben.
  • Die Chance, die eigenen Grenzen zu erleben (was schmerzhaft sein kann, aber enorm hilft, voranzugehen), und zwar ohne dafür von anderen verurteilt oder lächerlich gemacht zu werden.
  • Die Chance, ganz neu und frisch zu erfahren, dass auch andere tolle Ideen und Inspirationen haben, die einem selbst durchaus weiterhelfen.
  • Die Chance auf Lachen und den Witz, der nur im Zusammensein entsteht.
  • Die Chance, auf gleicher Höhe zu geben und zu nehmen.

… und neben so vielem auch das unvergleichlich schöne und erleichternde Gefühl, verstanden zu werden [- aaaah, das einem sofort Flügel verleiht]!

Die Chance auf Begegnung… in its most precious form, from heart to heart, macht unser Leben lebenswert und gibt die Kraft, die wir brauchen, unsere wirklichen Ziele zu erreichen.

Ich habe vor Jahren den Satz gelesen, es muss ein berühmter Autor gewesen sein, dem ich hier umso mehr Respekt zolle, als ich seinen Namen nicht mehr erinnere:

“In meiner Einsamkeit sah ich Dinge sehr klar, die nicht wahr waren.”

Ich weiß, wie leicht genau das eintreten kann. Ich habe es oft erfahren.

Es motiviert mich sehr, andere, die ähnliches erleben, zu Kontakt und Begegnung zu ermutigen, die der Wahrheit näher bringen. In Coaching oder Therapie, an Stammtischen Gleichgesinnter, auf Kongressen, auf der Parkbank oder im Retreat. Im Freundeskreis.

Dabei werden Dinge schief gehen. Es wird schwierig sein und nicht immer gleich funktionieren, aber es lohnt sich! Es ist nie zu spät, sich zu öffnen, aber wir selbst müssen es riskieren.

Herzlich,

Mantradevi

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